Geschichte der evangelisch-lutherischen Kirche in Nürnberg
Historischer Überblick
17. Jahrhundert
Mit dem Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) endet der mühsam errungene Friede zwischen den beiden großen Konfessionen. In dieser längsten kriegerischen Auseinandersetzung der deutschen Geschichte versucht Nürnberg eine Art Spagat: Um sowohl seiner Zugehörigkeit zur protestantischen Seite als auch seiner über Jahrhunderte hin gewachsenen Treue dem (katholischen) Kaiser gegenüber gerecht zu werden, verfolgt es eine konsequente Neutralitätspolitik. Damit kann es zumindest einen gewissen Erfolg erzielen, denn die Stadt wird weder durch katholische noch durch evangelische Truppen zerstört. Freilich leidet aber auch sie unter der wirtschaftlichen Stagnation, den Seuchen, der Hungersnot und den grauenvollen Lebensbedingungen, die der unendlich erscheinende Krieg mit sich bringt.
Im Jahre 1628, also mitten im Krieg, findet sich die erste Erwähnung des Christkindlesmarktes. Der in der Adventszeit abgehaltene Markt entwickelte sich erst, nachdem die Reformatoren, die der Verehrung von Heiligen mehr als kritisch gegenüberstanden, das traditionelle Beschenken der Kinder vom Nikolaustag auf das Weihnachtsfest verlegt, und damit das Christkind zum Schenkenden erklärt hatten.
Nach dem Friedensschluß von Münster und Osnabrück, der das Ende der Kampfhandlungen des Dreißigjährigen Krieges signalisiert, wird Nürnberg zum Tagungsort des Friedensexekutionskongresses bestimmt, der Einzelheiten des zu schließenden Friedensvertrages klären soll. Die ersten Verhandlungsergebnisse werden 1649 in einem Friedensmahl gefeiert, an das ein im Jahre 1996 veranstaltetes "Friedensmahl der Religionen" im Heilig-Geist-Spital anknüpft. Letzteres trug den im Vergleich zum 17. Jahrhundert stark veränderten soziologischen Gegebenheiten und der durch größere Offenheit und Toleranz geprägten Mentalität der Gegenwart Rechnung, saßen nun doch nicht mehr nur die beiden großen Konfessionen gemeinsam am Tisch, sondern Muslime, Israelitische Kultusgemeinde und die Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen.
Im Nürnberg des 17. Jahrhunderts führten freilich weder die grauenhaften Erfahrungen in einem auch aus religiösen Gründen geführten Krieg noch der Friedensschluß zu religiöser Toleranz innerhalb der Stadtmauern. Man blieb dem Konfessionalismus verhaftet und Theologen wie Johannes Saubert und Johann Michael Dilherr wachten im Sinne der Reformorthodoxie über die Reinheit der lutherischen Lehre und das fromme Leben der Bürgerinnen und Bürger.
Zum Aufblühen des kirchlichen Lebens dieser Epoche trägt die Gründung des Pegnesischen Blumenordens 1644 bei, dessen Mitglieder auch religiöse Gedichte verfassen. Das bekannteste noch heute im evangelischen Gesangbuch vertretene Werk aus diesem Kreis ist Sigmund von Birkens Lied "Jesu, Deine Passion".
Ebenfalls von nachhaltiger Wirkung waren zwei Bibeldrucke, die 1641 und 1656 im Nürnberger Verlagshaus Endter produziert wurden. Sie fanden in der gesamten deutschsprachigen Welt Verbreitung und vor allem die 1656 erschienene "Dilherr-Bibel" wird noch heute in evangelischen Familien von Generation zu Generation weitergegeben. Beide Bibelausgaben setzen die Tradition fort, die mit Hans Hergots Ausgabe des Septembertestaments 1523 begann und erneut im 19. Jahrhundert aufgegriffen werden wird: 1823 wird in Nürnberg der Bayerische Zentralbibelverein gegründet, dessen Zielsetzung darin besteht, der Bevölkerung preiswerte Lutherbibeln zur Verfügung zu stellen. Auch das seit 1998 bestehende Bibelerlebnishaus ist in dieser Traditionslinie zu sehen, versucht es doch, seinen Besucherinnen und Besuchern die Bibel als Buch für das Leben in der modernen Welt nahezubringen.