Geschichte der evangelisch-lutherischen Kirche in Nürnberg
Historischer Überblick
18. Jahrhundert
Anders als in Städten wie Bamberg oder Würzburg wird Nürnbergs Stadtbild noch heute durch Sakralbauten bestimmt, die im Mittelalter entstanden sind und während der Reformation durch die evangelisch-lutherische Konfession in Besitz genommen wurden. Lediglich ein einziges Gotteshaus weist ein barockes Äußeres auf: die Egidienkirche, die 1696 einem Brand zum Opfer fiel, wurde 1710-1718 im Stile der Zeit neu aufgebaut.
Der Pietismus, eine seit dem Ende des 17. Jahrhunderts aktive Erneuerungsbewegung innerhalb des Protestantismus fand in Nürnberg nur wenig Resonanz. Mit seinen Bemühungen um die Förderung der persönlichen praktischen Frömmigkeit, die er einer Reinhaltung der rechten Lehre vorordnete, konnte er nur wenige Pfarrer und Gemeindeglieder für sich gewinnen, was nicht zuletzt auf den Argwohn zurückzuführen war, mit dem die Stadtregierung und viele einflußreiche Geistliche dieser Bewegung gegenüberstanden.
Ein dem Pietismus zugeneigter Geistlicher, Ambrosius Wirth jedoch war es, der das Nürnberger protestantische Bildungswesen grundlegend erweiterte und veränderte: Durch die 1526 unter der Federführung von Philipp Melanchthon gegründete "Obere Schule" hatte die Reformation versucht, mit Hilfe eines christlich-humanistischen Bildungskonzeptes zukünftige Akademiker (Mädchen waren ausgeschlossen) besser als es bis dahin der Fall war, auf ihre Tätigkeit im Staat oder in der Kirche vorzubereiten. Aus dieser Bildungsanstalt ging im Jahre 1622 die Universität Altdorf und damit eine von nur drei protestantisch-reichsstädtischen Universitäten Europas hervor. Wirth nun weitete 1702 das protestantische Postulat einer vor allem religiösen Basisausbildung für alle Gläubigen auf die Kinder mittelloser Nürnberger Bürgerinnen und Bürger aus, indem er eine Armenschule gründete, für deren Besuch kein Schulgeld zu entrichten war. Mit dieser nach dem Vorbild der Halleschen Anstalten geführten Einrichtung gelang es ihm, die dezidiert protestantische Ausrichtung der Bildungselite durch eine evangelische Prägung einfacher Menschen zu ergänzen.
Gut einhundert Jahre später waren es erneut Pfarrer, die die Nürnberger Schullandschaft veränderten: Vertreter der Spätaufklärung wie Christian Gottlieb Junge, Johann Ferdinand Roth und Gotthold Emanuel Seidel traten zu Beginn des 19. Jahrhunderts erfolgreich für die Ergänzung des Lehrstoffes durch "weltliche" Themen ein und sorgten für eine an den unterschiedlichen Bedürfnissen der Gesellschaft ausgerichtete Differenzierung des Schulwesens. Auch im 20. Jahrhundert weist Nürnberg noch ein protestantisches Profil im Bereich der Bildung auf, das von der Wilhelm-Löhe-Schule, der größten evangelischen Privatschule in Deutschland, über die Evangelische Fachhochschule für Sozialwesen, Pflegemanagement, Religionspädagogik und kirchliche Bildungsarbeit bis hin zu einer der umfangreichsten bayerischen Erwachsenenbildungseinrichtungen (forum erwachsenenbildung im eckstein, bestehend aus dem evangelischen bildungswerk e.V. und der evangelischen stadtakademie) reicht.
Nicht nur das Bildungswesen, sondern das gesamte kirchliche Leben wurde durch Christian Gottlieb Junge in neue Bahnen gelenkt. Beeinflußt durch den Geist der Aufklärung und seine Befreiungsimpulse reformiert er ab 1791 den Gottesdienst, schafft die Ohrenbeichte ab und führt ein neues Gesangbuch ein.