Geschichte der evangelisch-lutherischen Kirche in Nürnberg
Historischer Überblick
20. Jahrhundert
Hatte die evangelische Kirche im 19. Jahrhundert vor allem versucht, die Kluft zwischen dem Protestantismus und der Arbeiterschaft zu schließen, so steht sie an der Wende zum 20. Jahrhundert vor dem Problem, daß Teile des gebildeten Bürgertums zwar noch religiös gesinnt sind, jedoch keine Bereitschaft mehr zeigen, sich an ein Bekenntnis zu binden. Dieses Publikum versuchen zwei Nürnberger Pfarrer, Christian Geyer und Friedrich Rittelmeyer anzusprechen, indem sie den christlichen Glauben in Beziehung zu Problemen der Gegenwart setzen. Dank ihrer hohen Dialogfähigkeit gelingt es ihnen vor allem durch Predigten und eine gemeinsam herausgegebene Zeitschrift, bei kritischen Zeitgenossinnen und Zeitgenossen wieder Interesse für die Kirche zu wecken, was jedoch durch konservative Protestanten scharf kritisiert wird.
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Dreieinigkeitskirche 1903 |
Der Trennung von Thron und Altar nach dem Ende des 1. Weltkrieges begegnen viele deutsche Christinnen und Christen mißtrauisch bis mißbilligend. Man bleibt im Grunde seines Herzens monarchistisch gestimmt und entwickelt bald eine Angst vor dem als unmittelbare Drohung empfundenen Bolschewismus. Während der Weimarer Republik steht auch in Nürnberg die Mehrheit der kirchentreuen Gemeindeglieder auf Seiten der nationalen Parteien. Es ist deshalb nur konsequent, daß die Machtergreifung der Nationalsozialisten im großen und ganzen begrüßt wird.
Die evangelisch-lutherische Kirche in Bayern gehört zu den Landeskirchen, deren Leitungsämter 1933 nicht durch eine nationalsozialistische Mehrheit übernommen werden. Dennoch kommt es ab diesem Jahr zu Auseinandersetzungen über die Frage, ob Bibel und evangelisch-lutherisches Bekenntnis bruchlos mit dem nationalsozialistischen Staat und seiner völkischen Ideologie zu vereinen seien oder nicht.
Auch in Nürnberg prägt diese Frage das kirchliche Leben und Handeln: Wird im Sommer 1933 Hans Meiser unter Beteiligung nationalsozialistischer Abordnungen in der Lorenzkirche als Landesbischof eingesetzt, so daß das Verhältnis zwischen evangelischer Kirche und Staat zunächst einigermaßen harmonisch erscheint, so beginnen wenig später die "Deutschen Christen" ihre Aktivitäten in Nürnberg zu entfalten. In der "Glaubensbewegung Deutsche Christen" sammeln sich Protestantinnen und Protestanten, die auf die Schaffung einer nationalistischen und antisemitischen Reichskirche mit engem Anschluß an das politische Programm der NSDAP hinarbeiten. Ihre Forderung nach einer Streichung des Alten Testamentes und zentraler Teile der paulinischen Theologie aus der kirchlichen Verkündigung stößt in Nürnberg auf Widerstand, da sie als unvereinbar mit dem evangelisch-lutherischen Bekenntnis erscheint.
Als die nationalsozialistische Regierung das "Gesetz zur Wiederherstellung des deutschen Berufsbeamtentums" erläßt, und die Kirche erwägt, den darin enthaltenen "Arierparagraphen", der Menschen mit nicht "arischem" Stammbaum von Tätigkeiten in der Kirche ausschließt, in ihren eigenen Reihen umzusetzen, kommt es im September 1933 zu Protesten unter der Nürnberger Pfarrerschaft, die betont, daß nicht einmal Christus, Petrus oder Paulus in der bayerischen Landeskirche tätig sein dürften, würde diese ihr Personal nach den Kriterien des Beamtengesetzes auswählen. Mit Erfolg: Die bayerische Landeskirche übernimmt den "Arierparagraphen" nicht in ihr Personalwesen.
Im Januar 1934 kommt es dagegen zu einem Einknicken der bayerischen evangelischen Landeskirche vor Adolf Hitler und seinem Reichsbischof Ludwig Müller. Obwohl dieser die Entlassung aller Geistlichen jüdischer Herkunft fordert, kirchenpolitische Veranstaltungen in Kirchenräumen untersagt und jegliche Kritik von Pfarrern an der Leitung der hitlernahen Reichskirche verbietet, erscheint Hans Meiser ebenso wie die Bischöfe anderer Landeskirchen als Unterzeichner einer Erklärung, in der sie dem "Führer" ihre Treue versichern und dem Reichsbischof alle nötige und mögliche Unterstützung zusagen - eine Entscheidung, die von weiten Kreisen der bayerischen und der Nürnberger Pfarrerschaft mitgetragen wird.
Nachdem Landesbischof Meiser im Namen der bayerischen Landeskirche im Mai des gleichen Jahres die "Barmer theologische Erklärung", in der deutlich ein Anspruch des Staates auf die Kirche und ihr Bekenntnis abgelehnt wird, unterzeichnet hat, wird er im Herbst durch den deutschchristlichen Reichsbischof Müller abgesetzt und unter Hausarrest gestellt. Dies ruft auch in Nürnberg vehemente Proteste hervor: Mit Bekenntnsigottesdiensten, Demonstrationen und anderen Treuekundgebungen unterstreichen Nürnberger Gemeindeglieder ihre Empörung über das Vorgehen der Reichskirche und des Staates und ihre Solidarität mit Meiser. Im November 1934 wird Meiser schließlich die Wiederaufnahme seiner Amtsgeschäfte gestattet.
Als Reaktion auf die Einmischung des Reichsbischofs in bayerische Kirchenangelegenheiten, aber auch als Abwehr gegen die offensive Propagierung deutschchristlicher Forderungen und Ziele durch die beiden Nürnberger Pfarrer Hans Baumgärtner (Stadtmission und evangelische Jugend) und Ludwig Beer (Eibach) beginnen sich in Nürnberg während der ersten Monate des Jahres 1935 Bekenntnisgemeinschaften zu bilden. Bereits im Mai gehören ihnen weit über 100 000 Nürnbergerinnen und Nürnberger an. Der seit 1935 amtierende Kreisdekan Julius Schieder wird in den folgenden Jahren dafür sorgen, daß diese Gemeinschaften durch Bibelstunden, Gottesdienste und ein Netz von Hausbesuchen im evangelischen Bekenntnis gefestigt werden. Gelähmt durch ihr Verständnis der Zwei-Reiche-Lehre und ihre Auffassung von der Rolle einer durch Gott eingesetzten Obrigkeit ist es den Nürnberger Bekenntnisgemeinschaften jedoch fast unmöglich, gegen staatliche Maßnahmen einzutreten, die nicht unmittelbar den Bereich der kirchlichen Verkündigung betreffen. Besonders fatal wird dies im Verhältnis der Kirche zu den Nürnberger Jüdinnen und Juden.
Nach der Pogromnacht im November 1938, in der jüdische Bürgerinnen und Bürger Nürnbergs ihrer Ehre, ihres Eigentums und auch ihres Lebens beraubt werden, machen einige Pfarrer der Stadt in ihren Predigten auf die Verbrechen aufmerksam, die in der Nacht vom 9. zum 10. November durch Nürnberger vollbracht wurden - ein öffentlicher Protest der evangelischen Kirche gegen das Unrecht, wie er nach der Absetzung des Landesbischofs erfolgt war, bleibt jedoch aus. Im Gefolge der Pogromnacht wird in Nürnberg eine Außenstelle des Berliner "Büros Grüber" eingerichtet, die versucht, "nichtarischen" Christinnen und Christen bei der Auswanderung behilflich zu sein und in einzelnen Fällen auch erfolgreich ist. Für Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma sowie andere durch die Nationalsozialisten verfolgte Menschen etablieren sich in der evangelisch-lutherischen Kirche Nürnbergs jedoch keine Unterstützungsstrukturen.
