Andreas Osiander

Die Einführung des lutherischen Glaubens 1525-1533

Im Frühjahr 1525 sind die Spannungen zwischen den Nürnbergerinnen und Nürnbergern, die sich der Reformation anzuschließen beabsichtigen, und denjenigen, die bei der bisher gültigen kirchlichen Lehre und Glaubenspraxis bleiben wollen, so stark, dass der Rat ein Entscheidungsgespräch im Rathaus ansetzt. Theologen – Fachleute beider religiöser Lager – sollen sich zu den strittigen Punkten äußern. Erklärtes Ziel des Rates ist dabei die Wiederherstellung einheitlicher Predigt und einheitlichen kirchlichen Lebens in der Stadt.

Das Nürnberger Religionsgespräch 1525

Unter großer Anteilnahme der Bevölkerung, die den Auseinandersetzungen im Rathaus durch die geöffneten Fenster zu folgen versuchte, diskutieren und streiten hier vor allem der evangelisch gesinnte Prediger an St. Lorenz, Andreas Osiander, und der Prediger des Franziskanerklosters Lienhard Ebner miteinander. Sie versuchen vehement, die jeweils gegnerische Seite von ihrer eigenen Auffassung zu theologischen Themen zu überzeugen, die seit Jahrhunderten unumstritten waren, aber durch die Reformation kritisch hinterfragt wurden:

  • Wird der Mensch nur durch den vertrauensvollen Glauben an Gott selig oder auch durch gute Werke?
  • Was ist Sünde?
  • Welchen Autoritäten muss ein Christ oder eine Christin gehorchen?
  • Dürfen Priester heiraten?

Vor allem weil über diese und weitere Streitpunkte auf Anweisung des Rates hin allein auf der Basis der Bibel, nicht aber durch Belege aus dem Kirchenrecht, den Schriften der Kirchenväter und der mittelalterlichen Überlieferung entschieden werden darf, unterliegt die altgläubige Seite.

Nürnberg – für 300 Jahre eine evangelische Stadt

Damit hat der Rat sein Ziel erreicht: Er kann nun die öffentliche Verkündigung und Praktizierung katholischen Glaubens untersagen und dafür sorgen, dass in Nürnberg ausschließlich im evangelischen Sinne gepredigt und gelebt wird. Nürnberg ist ab diesem Zeitpunkt für fast 300 Jahre eine evangelische Stadt.

Konkret wird das an unterschiedlichen Stellen:

  • Katholische Gottesdienste, Seelsorge, Sakramente und altgläubige Traditionen wie die Verehrung von Reliquien und Prozessionen werden verboten, viele Feiertage abgeschafft.
  • Die meisten Männerklöster der Stadt lösen sich auf, während die Nonnen (das Klarissenkloster unter Leitung Caritas Pirckheimers) zum großen Missfallen vieler Nürnberger und Nürnbergerinnen zähen Widerstand leisten.
  • Der Rat übernimmt die Rechtsgewalt des Bamberger Bischofes und wird selbst zur Obrigkeit der neuen evangelischen Konfession. Das ist eine Vorstufe dessen, was in den bald entstehenden evangelischen Landeskirchen als „Landesherrliches Kirchenregiment“ bezeichnet werden wird.

Nicht nur „evangelisch“ – „lutherisch“

„Evangelische Konfession“ heißt im Hinblick auf das frühneuzeitliche Nürnberg übrigens ausschließlich „evangelisch-lutherische Konfession“, wird in der fränkischen Reichsstadt doch nur diese Strömung innerhalb des reformatorischen Lagers geduldet. Mit seiner seit Jahrhunderten eingeübten und tief in der Nürnberger Mentalität verankerten Vorgehensweise, einer Mischung aus Nüchternheit, Sensibilität, vorsichtigem Taktieren und nicht allzu rigoroser Strenge, geht der Rat gegen alle anderen reformatorischen Richtungen vor, die in der Bevölkerung Fuß fassen: Untersagt wird zwinglianisches Gedankengut, was sicher dazu beiträgt, dass es in Nürnberg zu keiner Bilderentfernung und keinem Bildersturm kommt, sondern noch heute die mittelalterlichen Kunstwerke in den Kirchen zu sehen sind. Bekämpft werden jedoch vor allem die obrigkeitskritischen, täuferischen und spiritualistischen Bewegungen, die zwar in den Ideen Luthers wurzelten, diese jedoch weiterentwickelt hatten, so dass sie soziale Rechte thematisierten, die Kindertaufe ablehnten, bzw. betonten, dass die Heilige Schrift nicht die einzige Basis der Offenbarung Gottes ist, sondern die persönliche Erleuchtung der Gläubigen wegweisend sein muss. Da dem Rat die meisten dieser Ideen zu aufrührerisch und vor allem zu sehr mit dem Geruch der Kritik an einer von Gott eingesetzten Obrigkeit behaftet sind, geht er gegen ihre Vertreterinnen und Vertreter vor, unter denen sich auch bekannte Nürnberger Künstler finden. Auf der anderen Seite kommt er jedoch auch mancher Forderung entgegen, die unter Berufung auf das befreiende Evangelium vor allem in bäuerlichen Kreisen und in den unteren Bevölkerungsschichten laut wird. Vielleicht ist es diesem taktierenden Handeln zu verdanken, dass Nürnberg eine der wenigen fränkischen Städte war, in der der Bauernkrieg 1524/25 nicht in eine menschliche Katastrophe ausmündete.

Der Konfikt mit dem Kaiser

Durch seinen Entschluss, den evangelischen Glauben als offiziellen, einzigen Glauben in der Stadt einzuführen, gerät Nürnberg in Konflikt mit seinem unmittelbaren Herren, dem katholischen Kaiser, und mit zahlreichen deutschen Fürsten – die Reformation war ja nicht ein Geschehen, das nur in der fränkischen Reichsstadt zur Debatte stand. Nürnberg unterliegt wie alle anderen Territorien auch den Beschlüssen der Reichstage, die sich mit der Glaubensspaltung beschäftigen, und zusammen mit anderen evangelisch gesinnten Städten und Landesherren tritt es besonders auf dem Reichstag von Speyer 1529 auf. Dort wurde durch die altgläubige Mehrheit beschlossen, reformatorische Neuerungen soweit als möglich rückgängig zu machen, was zu einem schriftlich vorgetragenen Protest der evangelischen Städte und Gebiete führt. Auf dieses Dokument, das gleich an zweiter Stelle durch die Stadt Nürnberg unterzeichnet wird, geht der Begriff „Protestantismus“ als Bezeichnung für die von der Reformation bestimmten Kirchen und Bewegungen zurück.

Das Augsburgische Bekenntnis

Auch ein Jahr später findet sich Nürnberg unter den ersten Unterzeichnern eines zentralen Dokumentes der Reformationszeit: 1530 unterschreibt es als eine der ersten evangelischen Städte Deutschlands die Confessio Augustana, das grundlegende Glaubensbekenntnis des Protestantismus.

Der Abschluss der Reformation

Im Jahre 1533 schließlich kommt die Phase der Einführung der Reformation in Nürnberg zu ihrem Abschluss. In diesem Jahr verabschiedet die Stadt gemeinsam mit der Markgrafschaft Ansbach die „Brandenburgisch-Nürnbergische Kirchenordnung“, die zum Teil bis ins erste Drittel des 19. Jahrhunderts Gültigkeit behält. Sie bekräftigt die unter dem Rat als Kirchenleitung eingeführten reformatorischen Neuerungen, steckt Grundlinien der evangelisch-lutherischen Lehre ab und regelt die wesentlichen Aspekte kirchlichen Lebens, vor allem Gottesdienst, Sakramente, Trauung und Begräbnis

 

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