Auf den Fototafeln der Ausstellung sind die interviewten Bewohner*innen immer mit derselben weißen Leiter zu sehen. Was ist die Idee dahinter?
Dietel: Die Leiter soll an eine Geschichte aus der Bibel erinnern. Es ist die Geschichte von Jakob, der einen besonderen Traum hatte. Jakob schläft und er träumt, dass sich der Himmel öffnet. Er sieht im Traum eine Leiter, die vom Himmel auf die Erde reicht. Auf dieser Leiter steigen Engel auf und ab. Und oben im Himmel sieht er Gott, der mit ihm redet und ihn segnet.
Arnold: Jakob ist auf der Flucht. Er hat seinen Vater und seinen Bruder betrogen. Er weiß nicht, wie es weitergehen soll mit ihm. Und ausgerechnet in dieser ausweglosen Situation, als Betrüger und Flüchtender, da öffnet sich für ihn der Himmel und Gott segnet ihn.
Dietel: Diese Geschichte aus dem Alten Testament ist für uns ein eindrückliches Bild für den geöffneten Himmel. Und so ist die Himmelsleiter hier auf den Bildern zu einem Symbol geworden. Sie steht für diesen besonderen Moment, in dem sich der Himmel geöffnet hat. Der Fotograf Wolfgang Noack hat die Fotografien dann so gemacht, dass man auf den Bildtafeln nur den Menschen und die Leiter sieht. Aber das Ende der Leiter ist nicht zu erkennen.
Arnold: Die Leiter ragt immer über das Bild hinaus und zeigt: Die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Der Himmel steht uns immer wieder offen. Das können wir der Jakobsgeschichte und den Geschichten der Menschen aus den Nürnberger Pflegeheimen ablauschen. Gottes Segen ist da in unserem Leben und ich glaube auch über das Ende hinaus.
Es ist jetzt 70 Jahre her. Aber ich sehe den Mann noch. Ich denke immer: Das war mein Schutzengel.
Von irgendwo ist er geschickt worden. (Gisela Z.)
Die Lebensgeschichten der Seniorinnen und Senioren haben für diese eine große persönliche Bedeutung. Was können Besucherinnen und Besucher für sich selbst aus der Ausstellung mitnehmen – vielleicht auch gerade in der heutigen Zeit?
Arnold: Wir haben die Erzählungen möglichst wörtlich aufgeschrieben. Es ist manchmal so für mich, als ob ich die Interviewten direkt sprechen höre. Sie erzählen nämlich ganz einfach und schlicht und ergreifend von ihrem Erlebnis als sich der Himmel für sie geöffnet hat. Es gibt Besucher*innen, die, noch bevor sie das erste Interview ganz gelesen haben, davon erzählen wollen, was sie erlebt haben. Und sie reden ganz begeistert darauf los: „Also bei mir, da war das damals so ...“ Sie stellen sich hin, als hätte ihnen der Fotograf gerade selbst die Leiter in die Hand gedrückt und aus ihnen sprudelt ihre Himmel-offen-Geschichte. Wenn das geschieht, dann lacht mein Herz und dadurch öffnet sich auch für mich der Himmel.
Dietel: Mir fällt ein, dass ich einmal mit einer Freundin und deren jugendlicher Tochter die Ausstellung besucht habe. Es war ganz spontan. Die Ausstellung lag auf dem Weg und wir waren nur kurz drin. Ein paar Tage später ruft mich meine Freundin an. Sie erzählt, dass ihre Tochter sich einen Katalog gekauft hat und ihrer Oma alle Geschichten daraus vorgelesen hat. Und die Oma hat ihr dann eine eigene Geschichte vom geöffneten Himmel erzählt - und die hatte sie bis dahin noch gar nicht gekannt. Wow, wie schön, wenn die Ausstellung Menschen über dieses Thema ins Gespräch bringt!
Wenn ich an mein Leben zurückdenke, dann bin ich nicht nur einmal bewahrt worden. Gottes Engel war noch öfter da in meinem Leben.
Und der größte Engel meines Lebens war meine Frau. (Horst D.)
Wundersames Bewahrt werden in letzter Sekunde, unerwartete Kraft und Gewissheiten in schwierigen Momenten oder Liebe zu Menschen, die wie vom Himmel gesandt scheinen – achtzehn unterschiedliche Erfahrungen. Gibt es eine Geschichte die Sie persönlich besonders berührt hat?
Arnold: An Eva-Maria K. denke ich oft. Für sie war es ein langer Weg, bis sich der Himmel geöffnet hat. Sie hatte viel Geduld und hat ihren Mann beim Sterben begleitet. Aber den letzten Schritt über die Schwelle zum Tod konnte sie nicht mitgehen. Und das hat sie ihm klipp und klar gesagt, ohne Umschweife drüber gesprochen. Diese Klarheit hat mich berührt. Sie hat ihren Mann dort an der Weggabelung zum Tod aber nicht allein gelassen. Sie erzählt: „Ich habe dann mit ihm [...] gebetet.“ Das Beten hat ihr doppelt Kraft gegeben: Sie konnte ihren Mann an der Schwelle des Todes alleine weiter gehen lassen. Und sie konnte auch ihren Weg alleine weiter gehen.
Dietel: Ich habe in letzter Zeit gemerkt, dass mich je nach Situation, mal die eine Geschichte mehr anspricht und mal die andere. Ich weiß noch, wie ich damals kurz vor der Ausstellungseröffnung die aufgesprochenen Texte des Audioguides das erste Mal angehört habe. Ich meine, ich kenne ja alle Texte, wir haben sie aufgeschrieben und oft gelesen. Aber mir ist es trotzdem nochmal richtig unter die Haut gegangen, diese berührenden Geschichten so am Stück vorgelesen zu bekommen.