Sehnsucht Heimat - Ausstellung rund um Flucht, Vertreibung und Neuanfang

"Sehnsucht Heimat" heißt die Wanderausstellung, die vom 10. September 2019 bis 7. Januar 2020 im Tagungszentrum Rummelsberg, Schwarzenbruck zu sehen ist und sich mit den Themen Flucht, Vertreibung und Neuanfang auseinandersetzt. Zuvor gastierte die Ausstellung in der Reformations-Gedächtnis-Kirche in Maxfeld.

Für die Ausstellung wurden Menschen interviewt und fotografiert, die ihre alte Heimat verlassen und eine neue Heimat suchen mussten. Im Mittelpunkt der Bilder und Texte steht ein Gegenstand, den die Menschen aus ihrer alten Heimat mitgenommen haben. Menschen, die nach dem Zweiten Weltkrieg Flucht und Vertreibung erlebt haben, kommen darin zu Wort - genauso wie Menschen, die erst in den letzten Jahren fliehen mussten.

Konzipiert wurde "Sehnsucht Heimat" von den Pfarrerinnen Sonja Dietel (Altenheimseelsorge Nürnberg-Nord und Pfarrerin an der Reformations-Gedächtnis-Kirche Maxfeld), Dr. Aguswati Hildebrandt Rambe (Fachstelle Interkulturelle Öffnung und die Arbeit mit Gemeinden unterschiedlicher Sprache und Herkunft in der ELKB), Kerstin Voges (Migrationsbeauftragte und Hochschulpfarrerin ESG Nürnberg) mit Unterstützung durch den Nürnberger Fotografen Wolfgang Noack.

Pfarrerin Sonja Dietel hat mit uns über die Ausstellung gesprochen.

 

Frau Dietel, was erwartet mich, wenn ich die Ausstellung ‚Sehnsucht Heimat‘ besuche?

Dietel: In der Ausstellung „Sehnsucht Heimat. Flucht – Vertreibung – Neuanfang“ erwarten mich Texte und Bilder von Menschen, die Flucht und Vertreibung erlebt haben.

Es sind 18 Menschen aus verschiedenen Generationen und Kulturen. Sie erzählen, was für sie Heimat ist und wo. Sie teilen ihre berührenden und persönlichen Geschichten mit mir und lassen mich eintauchen in ihr Leben.

Auf allen Fotos sind die Menschen mit einem Gegenstand zu sehen. Es ist ein Gegenstand, den sie damals aus ihrer alten Heimat mitgenommen haben und der ihnen etwas bedeutet. Bei der einen Person ist es ein Rucksack, bei jemand anderem ein Gesangbuch oder auch eine Kette.

 

 

Wie entstand die Idee dazu?

Dietel: Als Pfarrerin in der Altenheimseelsorge ist mir das Thema unserer Ausstellung sehr vertraut. Oft erzählen mir Menschen von ihrer Flucht und Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg. Von Flüchtlingstrecks, Hunger, Angst und Gefahr. Ich höre von Neuanfängen, von verschlungenen Lebenswegen und der tiefen Sehnsucht nach Heimat. Flucht und Vertreibung sind eine Erfahrung, die sich in viele Familien hier in Deutschland tief eingebrannt hat. Die mehrere Generationen bis heute prägt. Ja, ich denke, man kann mit Recht sagen, dass wir ein Land mit Fluchterfahrung sind.  

Als dann 2015 viele Geflüchtete aus anderen Ländern hier nach Deutschland kamen, hat das auch viele ältere Menschen stark bewegt. Immer wieder haben Menschen mir erzählt, dass die Bilder in der Zeitung und im Fernsehen sie an ihre Flucht von damals erinnern. An diese Zeit in ihrer Jugend, in der sie heimatlos und schutzlos auf der Suche nach einer neuen Heimat waren.

Und auch viele Gegenstände aus der alten Heimat sind mir in den letzten Jahren gezeigt worden.

Dinge, die damals vor vielen Jahrzehnten auf der Flucht mitgenommen wurden. Fotos von der Familie oder dem Haus, Puppen und Teddies, Ringe, Koffer, die auf der Flucht dabei waren, Geschirrstücke von daheim und vieles mehr. Diese Gegenstände sind so wichtig, dass es sie oft heute noch gibt. Sie werden häufig wie kleine Schätze aufbewahrt oder sind irgendwann ganz bewusst an andere Menschen weitergegeben worden. Und so ist die Idee zu dieser Ausstellung entstanden:

Die Idee, Menschen zu Wort kommen zu lassen, die Flucht und Vertreibung erlebt haben – damals nach dem Zweiten Weltkrieg – oder auch erst vor kurzem. Zu hören, was für sie Heimat ist und wo. Und zu fragen: Was nimmt man mit, wenn man die alte Heimat verlassen muss? Wenn nur Platz für das ist, was man tragen kann? Was ist so wichtig, dass ich es trotzdem einpacke?

 All das, was in den Geschichten dieser Ausstellung erzählt wird, ist der Bibel nicht fremd. Flucht, Vertreibung und die Sehnsucht nach Heimat sind Themen, die sich auch durch viele biblische Geschichten ziehen.


Die Ausstellung gastierte zuletzt in der Reformations-Gedächtnis-Kirche Maxfeld. Warum 'Kirche' als Rahmen für Fluchtgeschichten?

Dietel: Die Reformations-Gedächtnis-Kirche erinnert vom Gebäude her an das Lied von Martin Luther „Ein feste Burg ist unser Gott“. Sie ist wie ein schützender, bergender Raum gestaltet – in dem diese persönlichen Geschichten gut aufgehoben sind. Denn all das, was in den Geschichten dieser Ausstellung erzählt wird, ist der Bibel nicht fremd. Flucht, Vertreibung und die Sehnsucht nach Heimat sind Themen, die sich auch durch viele biblische Geschichten ziehen. Darum gehört zur Ausstellung auch eine Tafel mit Bibelzitaten.

Wenn man unsere Kirche über das Hauptportal an der Bayreuther Strasse betritt, sieht man über dem Eingang die Szene eines Flüchtlingstrecks, ähnlich wie ihn viele Menschen dieser Ausstellung nach dem Zweiten Weltkrieg auch erlebt haben. Es ist eine Szene aus der Gegenreformation, die dort zu sehen ist: Evangelische Österreicher*innen, die ihre Heimat wegen ihres Glaubens damals verlassen mussten. Auch das ist ein Thema, das in der Ausstellung immer wieder auftaucht – der Glaube. Der Glaube, der manchmal ein Fluchtgrund sein kann. Und der einer ganzen Reihe von Menschen geholfen hat, diese schwere Zeit zu überstehen und durchzuhalten.

 

Was haben Sie von den Menschen erfahren, die an der Ausstellung mitgewirkt haben?

Dietel: Die Menschen haben uns Vertrauen geschenkt, etwas sehr Intimes mit uns geteilt und uns eintauchen lassen in ihr Leben. Das hat mich und meine Kolleginnen immer wieder sehr bewegt. Und wir sind sehr dankbar für all diese kostbaren Begegnungen!

Mir persönlich ist aufgefallen, wie ähnlich sich doch manche Themen in den Erzählungen sind, obwohl sie von Menschen aus ganz unterschiedlichen Herkunftsländern und Generationen stammen. Flucht und Vertreibung sind immer erschütternde Erlebnisse, in denen es um Leben und Tod geht. Unglaublich, wie viel Mut und Kraft in diesen Erzählungen zu spüren ist. Und wieviel Sehnsucht nach Heimat. Denn eigentlich wollen alle Menschen einfach sicher irgendwo leben und sie selbst sein können. Und das Gefühl haben, willkommen zu sein.

  Ein Land mit so viel Fluchterfahrung wie unseres hat eigentlich beste Voraussetzungen für Solidarität gegenüber Geflüchteten.


Die Themen Identität und Flucht polarisieren stark in der Gesellschaft. Welchen Beitrag wollen Sie mit der Ausstellung zur öffentlichen Diskussion leisten?

Dietel: Ende 2018 waren laut UNHCR 70,8 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht. Das ist eine unvorstellbar große Zahl. Hinter dieser Zahl stehen aber einzelne Menschen. Damals wie heute. Die Geschichten dieser Ausstellung wollen Begegnung ermöglichen. Sie zeigen, was Zahlen und Statistiken niemals zeigen können – den Menschen dahinter. Ein Besucher dieser Ausstellung hat es vor kurzem so auf den Punkt gebracht, er meinte: „Das hätte auch ich sein können.“ Darum geht es uns, um das Einfühlen und Mitfühlen mit den so ganz unterschiedlichen Geschichten, um gegenseitiges Verständnis und Respekt. Wir meinen, dass ein Land mit so viel Fluchterfahrung wie unseres eigentlich beste Voraussetzungen für Solidarität gegenüber Geflüchteten hat. Für Solidarität und Mitgefühl. Und wir wünschen uns, dass diese Ausstellung dazu einen Beitrag leistet.   


 



Sehnsucht Heimat: Flucht - Vertreibung - Neuanfang
 

10. September 2019 bis 7. Januar 2020:
Tagungszentrum Rummelsberg, Rummelsberg 19, 90592 Schwarzenbruck

Zur Ausstellung ist ein farbiger Katalog erhältlich, der gegen eine Schutzgebühr von 10 EUR erworben werden kann.

www.sehnsucht-heimat.de


Weitere interessante Ausstellungen: 'Wenn der Himmel sich öffnet: Menschen und Geschichten aus Nürnberger Senioreneinrichtungen' www.himmel-offen.de